Gott war schon da – bevor ich Ihn kannte

Ein Mensch geht im Morgenlicht auf einem Weg durch eine weite Landschaft

War Gott vielleicht schon in Deinem Leben gegenwärtig, lange bevor Du Ihn bewusst gesucht hast?

Vielleicht gab es eine Begegnung, die im Rückblick eine besondere Bedeutung bekam. Eine Tür, die sich öffnete. Eine andere, die sich schloss. Eine Bewahrung, die Du damals kaum wahrgenommen hast. Einen Umweg, den Du nicht verstanden hast. Einen Menschen, der genau im richtigen Moment da war.

Solche Erfahrungen beweisen für sich genommen noch nicht, dass Gott jedes Detail unseres Lebens unmittelbar gesteuert hat. Die Bibel fordert uns nicht dazu auf, hinter jedem Ereignis vorschnell eine geheime Botschaft Gottes zu vermuten.

Und doch zieht sich ein erstaunlicher Gedanke durch die ganze Schrift:

Gott ist der zuerst Handelnde.

Er sieht, bevor wir sehen. Er kennt, bevor wir erkennen. Er ruft, bevor wir antworten. Er liebt, bevor wir Ihn lieben.

Der vielleicht kürzeste Satz, der diesen Gedanken zusammenfasst, steht in 1. Johannes 4,19:

„Wir lieben ihn, weil er uns zuerst geliebt hat.“

Das kleine Wort „zuerst“ verändert die ganze Perspektive.

Der Mensch versteckt sich – Gott sucht

Schon auf den ersten Seiten der Bibel begegnet uns dieses Muster.

Adam und Eva haben Gottes Gebot übertreten. Als sie die Stimme Gottes hören, suchen sie nicht Seine Nähe. Sie verstecken sich.

Dann geschieht etwas Bemerkenswertes:

„Da rief Gott der HERR den Menschen und sprach: Wo bist du?“
1. Mose 3,9

Natürlich wusste Gott, wo Adam war. Die Frage zeigt vielmehr, wer hier die Initiative ergreift.

Adam versteckt sich. Gott ruft.

Der Mensch entfernt sich. Gott sucht.

Dieser Gedanke wird später im ganzen Evangelium wieder auftauchen. Die Geschichte zwischen Gott und Mensch beginnt nach dem Fall nicht damit, dass der Mensch sich mühsam zu Gott zurückarbeitet. Gott geht dem verlorenen Menschen nach.

Abraham kennt den Weg noch nicht – Gott schon

Auch Abraham beginnt seine Geschichte mit Gott nicht dadurch, dass er selbst einen großen geistlichen Lebensplan entwirft.

Gott ruft ihn:

„Der HERR aber hatte zu Abram gesprochen: Geh hinaus aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde!“
1. Mose 12,1

Abraham kennt das Ziel noch nicht.

Gott schon.

Das ist charakteristisch für viele Berufungsgeschichten der Bibel. Gott legt einem Menschen nicht immer zuerst eine vollständige Landkarte vor. Er ruft zum nächsten Schritt.

Josua erinnert später sogar daran, dass die Vorfahren Abrahams anderen Göttern dienten (Josua 24,2–3). Abrahams Geschichte beginnt also nicht damit, dass er bereits alles über Gott weiß und sich dann für eine besondere Aufgabe empfiehlt.

Sie beginnt mit Gottes Ruf.

„Der HERR ist an diesem Ort – und ich wusste es nicht“

Bei Jakob wird dieser Gedanke noch persönlicher.

Jakob befindet sich auf der Flucht. Er hat seinen Bruder Esau betrogen, sein Elternhaus verlassen und weiß nicht, was ihn erwartet. Gerade in dieser Situation begegnet ihm Gott im Traum und sagt:

„Und siehe, ich bin mit dir, und ich will dich behüten überall, wo du hinziehst, und dich wieder in dieses Land bringen. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich vollbracht habe, was ich dir zugesagt habe!“
1. Mose 28,15

Am nächsten Morgen sagt Jakob einen Satz, der wie eine Überschrift über manche Lebensgeschichte stehen könnte:

„Wahrlich, der HERR ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht!“
1. Mose 28,16

Gott war da.

Jakob hatte es nur nicht erkannt.

Vielleicht liegt genau darin eine der spannendsten Fragen, wenn wir auf unser eigenes Leben zurückblicken: Wo war Gott bereits gegenwärtig, obwohl wir damals noch gar nicht wussten, dass Er es war?

Josef versteht Gottes Führung erst im Rückblick

Bei Josef wird es schwieriger.

Sein Lebensweg sieht lange überhaupt nicht nach göttlicher Führung aus. Seine Brüder hassen ihn. Sie verkaufen ihn. Er wird zum Sklaven gemacht, später falsch beschuldigt und ins Gefängnis geworfen.

Nichts daran ist gut.

Die Bibel versucht auch nicht, das Böse schönzureden.

Jahre später blickt Josef jedoch auf seine Geschichte zurück und sagt zu seinen Brüdern:

„Ihr gedachtet mir zwar Böses zu tun; aber Gott gedachte es gut zu machen, um es so hinauszuführen, wie es jetzt zutage liegt, um ein zahlreiches Volk am Leben zu erhalten.“
1. Mose 50,20

Josef sagt nicht: Eure Tat war eigentlich gar nicht böse.

Er nennt sie böse.

Aber er erkennt zugleich, dass die Bosheit seiner Brüder Gottes Möglichkeiten nicht begrenzen konnte.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Gottes Führung bedeutet nicht, dass alles, was geschieht, gut ist oder unmittelbar von Ihm verursacht wird. Menschen können tatsächlich falsche und böse Entscheidungen treffen. Und doch kann Gott selbst dort weiterwirken, wo Menschen zerstören wollten.

Josef konnte das am Anfang seines Weges nicht sehen.

Er erkannte es erst im Rückblick.

Mose wird vorbereitet, bevor er seine Aufgabe kennt

Auch bei Mose liegen große Teile seines Lebens vor seiner eigentlichen Berufung.

Als Säugling wird er vor dem Tod bewahrt. Er wächst im Umfeld des ägyptischen Königshauses auf. Später flieht er nach Midian und verbringt viele Jahre in der Wüste.

Erst am brennenden Dornbusch offenbart Gott ihm seinen Auftrag.

Plötzlich bekommen frühere Lebensabschnitte eine neue Bedeutung. Seine Herkunft, seine Kenntnis Ägyptens, seine Jahre in der Wüste – all das wird später Teil seines Weges.

Mose kannte seine spätere Aufgabe noch nicht.

Gott schon.

Das bedeutet nicht, dass jeder Abschnitt unseres Lebens eine versteckte Ausbildung für eine spektakuläre Berufung sein muss. Aber Mose zeigt: Der Sinn eines Weges erschließt sich manchmal erst später.

Gott liebt nicht erst, wenn wir liebenswert geworden sind

Bei Israel spricht die Bibel noch deutlicher über die Reihenfolge von Gottes Liebe und menschlicher Leistung.

Mose sagt:

„Nicht deshalb, weil ihr zahlreicher wärt als alle Völker, hat der HERR sein Herz euch zugewandt und euch erwählt — denn ihr seid das geringste unter allen Völkern —, sondern weil der HERR euch liebte und weil er den Eid halten wollte, den er euren Vätern geschworen hatte …“
5. Mose 7,7–8

Israel wird nicht erwählt, weil es besonders groß, mächtig oder beeindruckend wäre.

Gott liebt.

Gott erwählt.

Gott rettet.

Seine Liebe ist nicht die Belohnung dafür, dass Israel zuvor genügend geleistet hätte.

Diese Reihenfolge wird im Neuen Testament noch viel deutlicher werden.

Gott sieht mehr als den gegenwärtigen Augenblick

Als Samuel zum Haus Isais kommt, um einen neuen König zu salben, sieht zunächst niemand in David den zukünftigen König. David ist nicht einmal bei den anderen Söhnen. Er ist draußen bei den Schafen.

Gott sagt zu Samuel:

„Denn [der HERR] sieht nicht auf das, worauf der Mensch sieht; denn der Mensch sieht auf das, was vor Augen ist, der HERR aber sieht das Herz an!“
1. Samuel 16,7

Menschen sehen den Augenblick.

Gott sieht tiefer.

Psalm 139 führt diesen Gedanken noch weiter. David beschreibt dort einen Gott, der Gedanken, Wege und Worte kennt und dessen Blick auf unser Leben nicht erst mit unserem bewussten Glauben beginnt:

„Deine Augen sahen mich schon als ungeformten Keim, und in dein Buch waren geschrieben alle Tage, die noch werden sollten, als noch keiner von ihnen war.“
Psalm 139,16

Jeremia hört von Gott:

„Ehe ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich ersehen, und bevor du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt …“
Jeremia 1,5

Bei Jeremia bezieht sich diese Aussage konkret auf seine Berufung als Prophet. Wir sollten daraus nicht automatisch jede denkbare Aussage über das Leben jedes Menschen ableiten.

Aber eines wird deutlich: Gottes Kenntnis Jeremias beginnt nicht erst in dem Moment, in dem Jeremia selbst seine Berufung versteht.

Gott handelt – und Menschen erkennen es nicht

Hosea beschreibt Gottes Beziehung zu Israel mit der Sprache eines fürsorglichen Vaters. Gott lehrt Ephraim gehen, nimmt ihn auf die Arme und zieht ihn „mit menschlichen Seilen, mit Banden der Liebe“ (Hosea 11,1–4).

Und doch erkennt Israel nicht, wer es versorgt hat.

Das ist bemerkenswert.

Gott kann bereits handeln, während Menschen Sein Handeln noch nicht erkennen.

Auch Ruth zeigt eine eher unspektakuläre Form von Führung. Als fremde Witwe kommt sie nach Bethlehem und geht auf ein Feld, um Ähren aufzulesen. Ruth 2,3 beschreibt, wie sie gerade auf das Feld des Boas gelangt.

Für Ruth mag es zunächst einfach ein Feld unter vielen sein, auch wenn es zur entfernten Familie ihrer Schwiegermutter gehört.

Im weiteren Verlauf wird diese Begegnung jedoch Teil einer Geschichte, die über David schließlich bis in die Abstammung Jesu führt.

Ähnlich wirkt das Buch Esther. Gottes Name wird dort nicht ausdrücklich genannt, und doch greifen Ereignisse auf erstaunliche Weise ineinander. Mordechai fragt Esther:

„Und wer weiß, ob du nicht gerade wegen einer Zeit wie dieser zum Königtum gekommen bist?“
Esther 4,14

Es ist eine Frage des Glaubens: Könnte Deine heutige Position Teil eines größeren Zusammenhangs sein, den Du selbst noch nicht vollständig erkennst?

Jesus sucht das Verlorene

Mit Jesus wird der rote Faden unübersehbar.

In Lukas 15 erzählt Er vom verlorenen Schaf. Das Schaf findet nicht durch eigene Orientierung zurück. Der Hirte macht sich auf die Suche.

Jesus beschreibt Seine eigene Mission so:

„… denn der Sohn des Menschen ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“
Lukas 19,10

Das Evangelium beginnt mit einer Suche.

Aber nicht zuerst mit unserer Suche nach Gott.

Es beginnt mit Gottes Suche nach uns.

Auch gegenüber Seinen Jüngern stellt Jesus die Reihenfolge klar:

„Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt …“
Johannes 15,16

Die Jünger haben tatsächlich geantwortet. Sie haben ihre Netze verlassen, Entscheidungen getroffen und sind Jesus gefolgt.

Aber vor ihrer Antwort stand Sein Ruf.

Paulus wird gesucht, während er gegen Jesus kämpft

Bei Paulus wird dieser Gedanke beinahe provozierend deutlich.

Paulus befindet sich vor seiner Begegnung mit Jesus nicht kurz vor einer christlichen Bekehrung, weil er die Gemeinde so sympathisch findet. Er verfolgt die Nachfolger Jesu.

Auf dem Weg nach Damaskus will er weiter gegen sie vorgehen.

Und genau dort begegnet ihm Christus.

Paulus sucht Jesus nicht.

Jesus begegnet Paulus.

Später blickt Paulus auf seine Berufung zurück und schreibt davon, dass Gott ihn bereits „von seiner Mutter Leibe an“ ausgesondert und durch Seine Gnade berufen habe (Galater 1,15–16).

Noch während Paulus gegen Christus kämpfte, war seine Geschichte für Gott nicht beendet.

Am Kreuz wird sichtbar, wer zuerst liebt

Der stärkste Ausdruck dieses Gedankens ist jedoch nicht eine Berufungsgeschichte.

Es ist das Kreuz.

Paulus schreibt:

„Gott aber beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“
Römer 5,8

Nicht nachdem wir uns gebessert hatten.

Nicht nachdem wir bewiesen hatten, wie ernst wir es meinen.

Nicht nachdem unsere Liebe zu Gott groß genug geworden war.

„Da wir noch Sünder waren.“

Das Evangelium lautet deshalb nicht:

Liebe Gott genug, damit Er anfängt, Dich zu lieben.

Es lautet:

Erkenne, dass Er Dich bereits geliebt hat – und antworte auf diese Liebe.

1. Johannes formuliert es noch einmal ausdrücklich:

„Darin besteht die Liebe — nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und seinen Sohn gesandt hat als Sühnopfer für unsere Sünden.“
1. Johannes 4,10

Und dann:

„Wir lieben ihn, weil er uns zuerst geliebt hat.“
1. Johannes 4,19

Er zuerst.

Das ist nicht nur ein schöner Gedanke. Es ist die Reihenfolge des Evangeliums.

Gottes Führung ist kein unpersönliches Schicksal

An dieser Stelle entsteht allerdings eine berechtigte Frage.

Wenn Gott kennt, ruft, führt und vorausplant – ist dann ohnehin alles festgelegt? Sind unsere Entscheidungen nur scheinbar frei?

Die Bibel beschreibt Gottes souveränes Handeln, aber sie zeichnet den Menschen nicht als willenlose Marionette.

Josefs Brüder treffen echte böse Entscheidungen. Die Bibel macht Gott nicht zum Urheber ihrer Bosheit.

Josua sagt zum Volk:

„…so erwählt euch heute, wem ihr dienen wollt…“
Josua 24,15

Jesus sagt:

„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. So jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich eingehen.“
Offenbarung 3,20

Er klopft.

Er ruft.

Er lädt ein.

Aber das Bild zeigt keine aufgebrochene Tür.

Gottes vorausgehendes Handeln und die menschliche Antwort stehen in der Bibel nebeneinander. Wir müssen diese Spannung nicht künstlich auflösen.

Gott sucht – der Mensch kann antworten.

Gott ruft – der Mensch kann hören.

Gott liebt zuerst – Liebe möchte erwidert werden.

Nicht alles ist gut – aber Gott ist größer als das Böse

Auch Römer 8,28 wird manchmal missverstanden:

„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Vorsatz berufen sind.“

Paulus sagt nicht, dass alle Dinge gut sind.

Das Böse bleibt böse. Leid bleibt Leid. Verrat bleibt Verrat.

Aber die Josefsgeschichte zeigt, wie dieser Gedanke verstanden werden kann: Selbst das Böse muss nicht das letzte Wort behalten.

Gottes Möglichkeiten enden nicht dort, wo unsere Pläne scheitern oder andere Menschen gegen uns handeln.

Das ist etwas anderes als die Behauptung, jedes schmerzhafte Ereignis sei von Gott genau so gewollt.

Es ist Vertrauen darauf, dass kein Ereignis größer ist als Er.

Vielleicht war Gott längst da

Dann bekommt Jakobs Satz plötzlich eine sehr persönliche Bedeutung:

„Gewiß ist der HERR an diesem Ort, und ich wußte es nicht.“
1. Mose 28,16

Vielleicht wirst Du nicht jede Station Deines Lebens erklären können.

Vielleicht solltest Du es auch gar nicht versuchen.

Aber Du kannst zurückschauen und fragen:

Wo wurde ich bewahrt?

Welche Begegnung hat meinen Weg verändert?

Welche geschlossene Tür hat mich auf einen anderen Weg gebracht?

Wo entstand in mir eine Sehnsucht nach Gott, lange bevor ich verstand, wohin sie führen würde?

Und vielleicht gibt es heute etwas in Deinem Leben, das Du noch nicht einordnen kannst.

Vertrauen bedeutet nicht, dass Du Deinen ganzen Weg kennst.

Vertrauen bedeutet, dass Du lernst, dem zu vertrauen, der weiter sieht als Du.

Bevor ich Gott kannte, kannte Er mich.

Bevor ich Ihn suchte, suchte Er mich.

Bevor ich Ihn liebte, liebte Er mich.

Und vielleicht wird eines Tages auch über manche bisher unverständliche Strecke unseres Lebens dieser Satz stehen:

Der Herr war schon da – und ich wusste es nicht.

Gemeinsam in der Bibel weiterdenken

Wer diese und andere biblische Fragen nicht nur lesen, sondern gemeinsam in der Bibel untersuchen möchte, ist herzlich eingeladen, bei unseren Bibelkreisen und Bibelstunden auf der Finca Maranatha im Norden Teneriffas dabei zu sein.

Kontakt und Informationen zur Anreise findest Du über unser Kontaktformular.

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